Wenn Lesen zur Herausforderung wird – Leseschwäche?

Buch auf´m Kopf oder Brett vor dem Kopf?

Mein Kind will nicht lesen. Mein Kind hat solche Schwierigkeiten beim Lesen. Mein Kind liest so langsam und ungenau und verliert dadurch den Anschluss in der Schule. Solche oder ähnliche Sätze höre ich in meiner Lerntherapie Praxis immer öfter von Eltern. Nur woran liegt es, dass Lesen zu einer echten Herausforderung für manche Kinder wird?

Um zu verstehen, warum es für einige Kinder schwieriger ist leicht zu lesen, sollten wir uns ansehen, was Kinder beim Lesen eigentlich alles bewältigen müssen und wo die Fehlerquellen liegen können.

Lesen basiert auf den sogenannten Vorläuferfähigkeiten.

Zu den Vorläuferfähigkeiten – die Vorstufe des eigentlichen Leseprozesses, gehören ein schnelles Arbeitsgedächtnis, die phonologische Bewusstheit und die Aufmerksamkeit.

Das Arbeitsgedächtnis funktioniert wie ein kurzfristiger Speicher. Wird ein Buchstabe mit den Augen erfasst und vom Arbeitsgedächtnis verarbeitet, so verbleibt diese Information nur sehr kurz im Gedächtnis. Es macht gleich wieder Platz für neue Informationen. Wird somit der erste Buchstabe gleich wieder vergessen, so kann gar nicht erst ein ganzes Wort entstehen. Kinder mit einer Leseschwäche haben oft ein schwaches Arbeitsgedächtnis.

Unter der phonologischen Bewusstheit ist die Fähigkeit zu verstehen, Laute zu hören, zu erkennen und den richtigen Buchstaben zuzuordnen. Im Fachjargon sagen wir dazu Lautsynthese. Wird nun ein Laut nicht gehört oder falsch gehört, so kann auch der dazugehörige Buchstabe nicht gefunden werden. Genauso ist es anders herum, sieht das Kind z.B. den Buchstaben k und spricht dazu den Laut g aus, dann wird aus kanns schnell ganns und die Bedeutung des Satzes ist nicht erkennbar. Zur phonologischen Bewusstheit gehört auch das Reimen und das Erkennen von Silben und Silbengrenzen.

Zu guter Letzt das Thema Aufmerksamkeit. Kann ein Kind sich im Leseprozess nicht auf das einzelne Wort konzentrieren, ist mit Geräuschen im Außen und Gedanken im Innen abgelenkt, so wird der Leseprozess immer wieder unterbrochen und das Kind beginnt von vorn. Klar, wenn sich die Bedeutung eines Wortes nicht erschließt und somit der Satz keinen Sinn hat, dann wird eine fesselnde Geschichte zu einer Tortur. Das raubt natürlich viel Energie und nimmt die Freude am Lesen.

Also du siehst, Lesen ist ein komplexer Prozess und um es noch anschaulicher zu machen, zeige ich dir die 6 Schritte, die beim Lesen passieren:

  1. Das geschrieben Wort mit den Augen erfassen
  2. Die einzelnen Buchstaben wahrnehmen
  3. Dem Buchstaben auf dem Papier den passenden Laut zuordnen
  4. Die Laute merken und zu einem Wort zusammen ziehen
  5. Das Ergebnis mit dem Wortspeicher im Kopf abgleichen
  6. Das Wort erkennen, verstehen und aussprechen

Alle diese Fähigkeiten benötigt ein Kind, um flüssig lesen zu können. Geübte Leser haben bereits einen Wortspeicher und erkennen z.B. das Wort Haus auf einen Blick. Das Erkennen von Wörtern entlastet das Arbeitsgedächtnis und beschleunigt den Leseprozess um einiges.

Leseanfänger verfügen noch nicht über einen Wortspeicher und sie lesen Wörter daher Buchstabe für Buchstabe.

Schau dir einmal das Wort dschjäkujä an. Du fügst Buchstabe für Buchstabe zusammen und in deinem Wortspeicher kann kein bekanntes Wort abgerufen werden, weil du das Wort nicht kennst. Ist ja auch eine andere Sprache 😉. Das kann Leseanfängern passieren, wenn sie einen Buchstaben im Wort nicht erkennen.

Gar nicht so einfach für unsere Kinder ein Leseprofi zu werden. Nur was hilft nun? Mehr Lesen üben? Nicht wirklich – denn mehr von dem zu machen, was noch nicht funktioniert, bringt selten Erfolg. Wir wollen ja nicht das unser Kind die Motivation und den Spaß am Lesen gänzlich verliert.

Hier stelle ich dir einige Übungen aus meinem Legasthenie Training vor. Die Übungen kannst du mit deinem Kind ganz einfach und spielerisch zu Hause schon umsetzen:

Übungen für die phonologische Bewusstheit

1. Buchstabenstraße: Bastelt Buchstabenkarten (in dem Link unten gibt es nette Vorlagen zum kostenfreien Druck) und legt die Karten zu einer langen Straße aus. Dann braucht ihr Würfel und Spielfiguren. Würfeln und die Spielfigur auf den jeweiligen Buchstaben ziehen. Buchstaben nennen lassen. Ist der Buchstabe richtig, wird die Karte aus der Straße entnommen. Wer die meisten Karten hat, hat gewonnen. 

Buchstabenkarten ausdrucken Lesen und Schreiben lernen (kinder-malvorlagen.com)

2. Buchstaben-Bild Memory (z.B. E wie Elefant von Ravensburger): wurde ein Paar gefunden, z.B. Eule, so wird das Wort vorgelesen. Dann zählt das Kind die Laute und legt so viele Legosteine oder Büroklammern auf den Tisch. Dann schreibt das Kind das Wort und zählt anschließend, ob so viele Laute geschrieben wurden, wie Legosteine auf dem Tisch liegen. 

Übung für die Achtsamkeit

1. Gedanken Wartehäuschen: Bastelt eine kleine Box oder ein Haus oder nehmt eine Truhe/Schachtel. Irgendetwas schönes, wo man etwas hinein legen kann. Vor den Hausaufgaben oder Übungen fragt ihr euer Kind, ob es Gedanken, Gefühle oder Störmonster gibt, die im Kopf des Kindes rumspuken. Wenn ja, nehmt einen kleinen Zettel und schreibt sie auf. Diese Zettel dürfen dann in das Wartehäuschen und bleiben dort, bis alle Übungen erledigt sind oder die Hausaufgaben geschafft. Kommt zwischendurch eine Ablenkung, al la „Ich muss Carl noch sein Plüschtier zurück geben“, dann auch diesen Geistesblitz aufschrieben und ab ins Wartehäuschen. So darf raus aus dem Kopf, was die Aufmerksamkeit stört. Ist alles erledigt, holt ihr die Zettel raus und legt mit der Erledigung los. 

Ich wünsche euch viel Spaß beim Ausprobieren. 😉

Und wird es für dich und dein Kind doch zu einer Mammutaufgabe, dann wartet nicht lange und kontaktiert mich. Wir schauen gemeinsam wo dein Kind steht und was wir tun können. Selbst bei kleinen Anfangsschwierigkeiten, kann ein intensives Lesetraining in der Gruppe oder im Einzelsetting schon Entlastung im Familienalltag bringen 😊

2 Antworten

  1. Hallo liebe Silva, Dein Blogartikel gefällt mir sehr. Er zeigt so wunderbar, wie wirchtig es ist, von den Vorläuferfähigkeiten zu wissen. Als Erzieherin und Sprachförderfachkraft erlebe ich täglich, wieviele Möglichkeiten der Alltag bietet, um diese zu spielerisch und „nebenbei“ zu trainieren und auszubauen. Wunderbar, dass du mit Kindern, Jugendlichen und Eltern dein Wissen teilst und sie damit auf ihrem Weg begleitest. Liebe Grüße, Jutta

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